Buchtipp: Galax Acheronian – Demeter

„Die Flucht“ ist das erste Kapitel des in sich geschlossenen Romans „Demeter“, welcher seit Januar als monatliches E-Book erscheint. Das letzte Kapitel wird am 2ten April erscheinen.

_Der Sinn dahinter ist es, dem Leser die Gelegenheit zu geben, selbst zu entscheiden, ob er weiter lesen möchte. Daher gibt es einen viertel Roman zum viertel Preis – denn niemals würde ein Leser 750 Seiten eines unbekannten Auto_rs kaufen, oder? 😉

Da es in der Handlung keine Sollbruchstellen gibt, variieren die Kapitel in ihrer Seitenzahl allerdings recht stark zueinander.

Die Handlung des Romans spielt primär auf den Titelgebenden Planeten „Demeter“, welcher von einer Gruppe Flüchtlinge eines totalitären Systems als neue Heimat ausgewählt wurde. Über viele Jahre, und stets im Verborgenen, bereiteten sich die Hauptfiguren und 300 weitere Menschen auf eine illegale Flucht von der Erde vor, um ein unbekanntes Ziel anzusteuern.

Die Erde ist in dieser Zeit, dem Jahr 2254 seit langem unter einer einzigen Regierung vereint. Diese hat zwar Kriege, Hunger, Obdachlosigkeit und mehr beseitigt, verlangt als Preis jedoch die Freiheit und strikte Gehorsamkeit zur Wahrung des Frieden.

Die Gesellschaft ist in drei Klassen aufgeteilt, in welcher (wie schon immer) von unten nach oben verteilt wird. Jedoch nicht nur Güter, sondern auch der Zugang zu Bildung, Wissen und Privilegien wird entsprechend der Klassen verwaltet. Es ist das Zukunft gewordene Mittelalter, in der Frauen und Arme keine Rechte haben, Andersdenkende verschleppt werden, Kritik verboten ist und der bedingungslose Glaube an die Kirche ein Gesetz ist.

Dennoch gibt es dort draußen in den Weiten des Alls Menschen, die frei und unabhängig in Selbstbestimmung leben. Diese Koloniewelten sollen der Gruppe als Beispiel dienen.

Hier beginnt der Roman:

In der Nacht, in der endlich die Koordinaten für eine geeignete Welt von einem fast 200 Jahre altem Server geladen werden, soll der geplanten Flucht eigentlich nichts mehr im Wege stehen … ein Weg mit Tücken, der allen Personen etwas abverlangt. Am Ziel angekommen ist jedoch alles völlig anders, als Gedacht und treibt Einzelne zum Äußersten.

_Die Geschichte lebt vor allem durch seine Charaktere, kontinuierlich aufbauender Spannung, korrekter Physik in einer glaubwürdigen Zukunft.

Ganz im Stil klassischer SF._

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Vom Autor übermittelte Leseprobe:

Prolog

– 2248 –

»Diese Reformen werden die Welt verändern. Niemals wieder werden wir freier, sicherer und lebendiger sein.«

8 Januar 2181

Präsident Dylan Webber (NCP)

Washington, D.C.

Einführung zum „Jahr der Reform“, in welchem das Internet, das Bildungssystem und die Reisefreiheit zum Schutz für System und Wirtschaft staatlich reguliert wurde.

Was für ein Tag!

Aidin Sahu schloss seine Wohnungstür und lehnte sich erschöpft dagegen. Einen Moment ließ er die Lider seiner Augen sinken und war nur zufrieden, angekommen zu sein. Mittwoch war der schlimmste Tag der Woche.

»Guten Abend, Mr. Sahu, Sie betraten Ihr Apartment um 22:04 Uhr. Dies ist vier Minuten nach der Ausgangssperre. Die Toleranzgrenze wurde damit zum dritten Mal in diesem Monat verletzt«, erinnerte sein Wohnungssystem mit monotoner Stimmlage und leitete diesen Vorfall selbstständig an den nächsten Sammelknoten weiter, wo dieser im Abgleich mit Aidins Bürgerdatei automatisch bewertet und entsprechend zugeordnet wurde. Aidin seufzte und warf dem Beobachtungssystem einen verächtlichen Blick zu. Es war ja auch Mittwoch! Das wöchentliche Meeting mit dem Direktor und den parteilichen Vertretern aus den Bildungssektoren dauerte in der Regel bis zwanzig Uhr – meist wurde es jedoch überzogen, obwohl weder die Infos, noch die Drohungen oder Ansagen neu waren.

Als Lehrer wurde man regelmäßig angehalten, sich intensiv mit dem seit vorigem Jahr angepassten Lehrplan auseinanderzusetzen und diesen wie gefordert und ohne Abweichungen mit den Schülern durchzugehen.

Schüler …, dachte er, und musste an die stumpfen Gesichter denken, denen er täglich sagte, wie etwas war, aber nicht erklärten durfte, warum. Noch vor zwei Jahren hatte das erheblich anders ausgesehen, auch wenn es zu dieser Zeit bereits schwierig war, Wissen in den Köpfe der Heranwachsenden zu pflanzen.

Nach dem Meeting ging es direkt in die Untergrundbahn und von dort nach sieben Stationen zur Buslinie 37 in den letzten, heillos überladenen Doppelstockbus. Niemand wollte nach der Ausgangssperre von der Volkswacht auf offener Straße angetroffen werden, weshalb selbst dann noch Leute hinzu stiegen, wenn es längst keinen Platz mehr gab. Für die meisten Arbeiter der dritten Klasse, die sich das Leben in der Londoner Innenstadt wie selbstverständlich nicht leisten konnten, war diese Tortur der Abschluss eines jeden Tages. Aidin musste dies nur an den Mittwoch-abenden über sich ergehen lassen und stand daher fast schon demütig inmitten dieses unerträglichen Gedränges. Dabei fragte er sich jedes Mal aufs Neue, wie diese Menschen gewissen Gesetzen der Physik so sehr widersprechen konnten, dass rund einhundert Leute dort Platz fanden, wo er nur für vierzig ausgelegt war. Ein kleines Phänomen, das ihn beinahe mehr amüsierte als beschäftigte. Seit über 30 Jahren arbeitete er nun schon als Physiklehrer und trug in seinem Kopf Wissen, das kaum jemand im Bus begriff oder begreifen durfte. Scherzhaft hatte er einmal zu einem Kollegen gemeint, dass dies wohl der Grund sei, weshalb sich so viele auf so wenig Raum aufhalten konnten. Sie wussten es einfach nicht besser.

Woher auch? Die Medienunternehmen hatten das Denken übernommen, was Aidin heute einmal mehr bewusst wurde.

Die Fahrt über stand er vor einem der Infoschirme und wurde von den Parteivorgaben förmlich erschlagen. Wenn auch wirkungslos, denn wie oft die austauschbaren Wortfetzen erklärten, dass es allen gut ginge und wie schön alles sei, wusste er es besser und versuchte, die stummen Bilder des Schirms zu ignorieren. Die Augen zu schließen wagte er allerdings auch nicht, denn vermutlich zöge allein schon das die Aufmerksamkeit der Wachsysteme auf ihn.

Zu all dem Stress der letzten Stunden flötete ihm nun noch das Wohnungssystem zum dritten Mal entgegen, dass er zu spät zu Hause angekommen sei.

»Ja! Wie jeden Mittwoch!«, fluchte er und schlug neben der Sprechanlage gegen den Sensor, welcher im Zweifel die Tür verriegeln konnte, wenn dieser einen zu hohen Pegel an Alkohol in seinem Atem registrierte.

Das PCP in der Manteltasche sirrte. Seufzend griff er nach seinem Computer und klappte die flexible Kristallscheibe hoch. Auf dem Schirm war das Überschreiten der Toleranzgrenze vermerkt, die Weiterleitung bestätigt und die Option beigefügt, sich zu erklären. Mit Druck auf die App meldete er, nun zu Haus zu sein, und gab als Grund die überfüllten Beförderungsmittel an. Wenn dieser verdammte letzte Bus nicht immer so rappelvoll wäre, würde ich es auch schaffen!, fluchte er in sich hinein. Jeder wusste es, aber niemand unternahm etwas, obwohl es ein Leichtes wäre, einen zweiten Bus einzusetzen. Aber wozu auch? Aidin wartete bereits auf den Tag, an dem die Agenten in Schwarz an den Haltestellen standen, um jeden zu prüfen, der dem Bus entstieg.

Seinen Mantel warf er über den Haken im Flur und ging direkt in die Küche, wo er dem Kühlschrank eine Flasche Scotch entnahm. Mit der anderen Hand griff er das Glas, welches er jeden Abend benutzte, und gönnte sich einen großzügigen Schluck.

Die Krawatte lösend, verließ er den Kochbereich und trat auf die Schiebetür zu, die in das geräumige Wohnzimmer und das anliegende Schlafzimmer führte. Direkt dahinter hatte die Konzeption der Wohnung ein Kinderzimmer vorgesehen, welches nun schon seit Jahren als Rumpelkammer diente. Dennoch war es eine wirklich schöne und große Wohnung. Vor einhundert Jahren waren solche Apartments nur Menschen der ersten Klasse vorbehalten gewesen, aber die Dinge haben sich geändert.

Aidin schob die Tür zur Seite und stutzte. In der Sofaecke hatte er seine Frau erwartet, das Wohnzimmer jedoch war verlassen.

»Nicole?«, rief er und sah auf die zweite Doppeltür, die zum Schlafzimmer führte.

»Schatz?« Er hasste es, sie so zu nennen. Noch einmal würde er nicht rufen. Offensichtlich war sie nicht da, was tief in seinem Inneren eine sanfte Erleichterung aufkommen ließ. Schon das erste Jahr nach der Hochzeit war anstrengend und wurde stetig schlimmer. Hätte Aidin eine Aussage bezüglich Nicole treffen müssen, würde diese wohl »Gestern war es besser« lauten. Sie stritten noch nicht einmal, weil es beiden egal war, was der andere tat oder dachte. Obwohl das so gesehen nicht ganz richtig war, wenn man genauer nachbohrte. Aidin erinnerte sich an einen Streit vor mehr als einer halben Ewigkeit. Damals war es darum gegangen, dass Frauen in der Raumnavy nun auch Funktionen von Männern ausführen und sogar Dienstränge bekleiden durften. Warum nicht, hatte Aidin gemeint. Nicole aber war strikt dagegen gewesen und stritt bis aufs Blut, wobei immer wieder die Gebote der Kirche und die Positionen des Einzelnen nach Gottes Vorgaben ihre Argumente waren – und wer konnte schon Gott widersprechen?

Nun, sie selbst. Denn obwohl sie so sehr das geforderte Bild der Familie einhielt und alle zwölf Gebote des modernen Testaments befolgte, gebar sie ihm nicht ein einziges Kind. Zugegeben, es gab nie Sex, was laut der Ausbildung in der Fruchtakademie entscheidend war, Kinder zu bekommen. Nicole jedoch empfand derlei immer als unnatürlich und sprach davon, dass Gott ihr schon ein Kind schenken würde, wenn es so weit wäre. Dass sie daher nie die vom Staat geforderten Kinder bekam, hatte noch nicht einmal die Familienbehörde gekümmert. Allein das beunruhigte Aidin schon damals sehr viel mehr, als er es sich je eingestehen würde.

Einen Schluck aus dem Glas nehmend, setzte er sich auf das breite, von großen Zimmerpflanzen umgebene Sofa. Dahinter plätscherte das Hologramm eines Wasserfalls leise dahin und hüllte den gesamten Wohnraum in eine entspannte Atmosphäre ein.

Der große Kristallschirm vor der bequemen Sitznische strahlte bereits einen fröhlich, aufdringlichen Werbespot in das sanft blau gehaltene Wohnzimmer. Am Ende des zweiten Spots begrüßte das Mediasystem Aidin mit Namen und spielte die heutigen Nachrichten ab, welche als relevant für seine Interessen eingestuft wurden.

Weltgeschehen. Untermalt mit der verwackelten Luftaufnahme einer Rauchsäule wurde aus dem Off beschrieben, wie drei Personen unbekannter Herkunft im Herzen Europas, nahe der Stadt München, das geltende Flugverbot zu umgehen versuchten.

»Der Versuch, unerlaubt den Orbit zu erreichen, endete in dieser Tragödie, die zahlreiche unschuldige Leben kostete«, erklärte ein Sprecher mit leicht mahnender Tonlage und wurde kurz darauf in das Bild geschnitten.

»Einzelheiten sind noch nicht bekannt, oder?«, fragte er und sah seine gutaussehende Kollegin an, die lächelnd den Kopf schief legte.

»Nun, Anhänger der Verursacher wurden bereits festgenommen oder unschädlich gemacht. Soweit jedenfalls die Planetensicherheit«, flötete sie und sah nun zusammen mit ihrem Kollegen ernst in die Kamera. Im Wechsel mahnten beide die Zuschauer, das seit mehr als drei Monaten in Kraft stehende Flugverbot ernst zu nehmen. Keinem Zivilisten ist es mehr gestattet, ein raumfähiges Flugschiff zu steuern, zu besitzen oder zu erwerben. Stattdessen wird es künftig an offizieller Stelle deutlich leichter sein, einen Flug ins All zu buchen.

Aidin nutzte den Moment der Regierungspropaganda, das Ladekabel seines PCPs vom Beistelltisch heranzuziehen und es in das kleine Gerät zu stecken. Mit Druck

auf die Home-App verband er seinen Computer mit dem Mediasystem seiner Wohnung.

Als er wieder aufblickte, stellte sich im Hintergrund der beiden Sprecher am Ende der Mahnung die brennende

Stadt Valencia aus dem Jahre 2246 dar. Die Ursache der Zerstörung war damals der Absturz und die Detonation eines kleinen Raumschiffs gewesen, welches von einem ungenügend ausgebildeten Mann gesteuert worden war.

Dieser Tag forderte rund 400 000 Tote.

»So etwas wollen wir nie wieder sehen«, erklärte die Frau mit kräftiger Stimme. »Sollten Sie also erfahren, dass jemand in ihrem Umfeld ein Schiff besitzt, so melden sie es umgehend der Volkswacht.«

»Sicher«, brummte Aidin. Die Erinnerungen an den Vorfall in Valencia weckten ganz andere Gedanken; der Mann hatte damals ziemlich viele Fehler gemacht, die jeder halbwegs Bedachte gemieden hätte. Der wohl Größte war es, in der Nähe einer Siedlung zu starten. Es dauerte somit keine zehn Minuten, bis die Planetensicherheit darüber Bescheid wusste. Natürlich wurde das Schiff damals aus dem Orbit heraus von einem weitaus größeren Schiff abgeschossen, eine andere Erklärung gab es nicht. Nur spricht niemand über die Absturzursache. Nie spricht jemand über das Warum, es gilt immer nur, dass etwas ist.

Im Allgemeinen war dies auch nicht die erste Flucht, von der Aidin hörte. Als sehr junger Mann ist er sogar einmal Zeuge gewesen, als eine ganze Gemeinde geflohen war. Als Festival getarnt, versammelten sich fast fünf-hundert Menschen und bestiegen etliche, als Wagen, Bühne und Anderes verschleierte Raumschiffe. Es gab für die Feier offizielle Anträge, Genehmigungen und behördliche Prüfungen. Mitten in der Nacht, unter lauter Musik und frisiert durch Feuerwerk, hoben acht kleine Schiffe ab und waren im Orbit, ehe die Behörden überhaupt etwas be-merkten. Die Schiffe waren nie wieder aufgetaucht.

Aidin hatte es damals nicht verstanden, denn es war den Menschen wirklich nie besser gegangen als zu diesen Tagen. Über die Jahre änderte sich seine Sicht der Dinge, welchen Preis der Frieden und die Sicherheit gefordert hatten. Er begann davon zu träumen, selbst einmal einfach zu verschwinden und endlich einmal tun und sagen zu können, wonach ihm war. In dieser Zeit wurde in sechzehn Lichtjahren Entfernung, im Sonnensystem Atair, die Kol-onie ‚Tristan‘ gegründet. Nur zu gern hätte Aidin alles hinter sich gelassen, um dort eine neue Welt zu schaffen. Nicole war jedoch dagegen, wie nicht anders zu erwarten.

Die Sprecher wurden wieder eingeblendet und das Bild im Hintergrund zeigte nun die Vatikanstadt.

»In der Welthauptstadt zogen heute die letzten Regierungsvertreter ehemaliger Nationen in das größte Parlamentsgebäude aller Zeiten ein.«

Die Abbildung zeigte ein halbrundes, in seinen Formen elegant geschwungenes Gebäude, in dessen Zentrum drei verschiedene Glockentürme standen.

»Damit ist die Weltregierung das erste Mal seit der Vereinigung der Menschheit im Jahre 2237 unter einem Dach. Die heutige Sitzung wurde sofort mit …«

»Weltregierung …«, zischte Aidin spöttisch. Nachdem Konzerne und Medienanbieter seit Jahrhunderten nun schon Monopole waren, war nun auch die Regierung ein solches – trotz Volksbefragung.

Natürlich hatte Aidin dagegen gestimmt. Wie jeder andere auch. Bis auf Nicole kannte er niemanden, der dafür sein wollte. Dennoch aber war es geschehen; alle ehe-maligen Nationen hatten heutzutage nur noch Vorstände, wie einen Bürgermeister. Es war die totale Gleichschaltung und der Verlust jedes Unterschiedes. Das Weltparlament lag nun noch zentralisierter in den gierigen Händen weniger Wirtschaftsmächte und hielt die Regierung in festem Griff.

Wieder änderte sich die Zusammenstellung der Meldungen und der Sprecher stand nun vor einem Bild mit mehreren Monitoren.

»Das Verlagsunternehmen ‚Juptoe‘ investierte heute sechzig Prozent seines Jahresumsatzes in das weltliche Bildungssystem. Damit rutscht das Unternehmen um drei Plätze im Parlament ab, stieg aber an der Börse um 275 Punkte«, verkündete der Mann mit monotoner Stimme und warf wieder seiner Kollegin einen Blick zu, die nun das Wort ergriff.

»Die Unternehmensführung erwartet neue Stärke in der Vermarktung besserer Lehrmethoden.«

Aidin lachte still und leerte sein Glas. Das war genau das, worüber heute im Meeting gesprochen wurde. Nur ging es dabei nicht um bessere Lehrmethoden. In seiner heutigen zehnten Klasse wurde unterrichtet, was Kindern in seinen Jugendjahren in der Fünften gelehrt wurde. Bildungsreform nannten sie es. Aidin und seine reflektierten Kollegen nannten es »Bildungsverbot« – im Übrigen das dritte, seit die NPC als Politführer an die Menschheitsentwicklung Hand angelegte hatte.

Der Zusammenschnitt änderte sich abermals. Aidin hatte für heute jedoch genug gesehen, um zu wissen, dass es noch sehr viel mehr geben würde, worüber man sich letztendlich doch nur wieder ärgern musste. Mit der Wahl einer weiteren App auf seinem PCP aktivierte er eine illegale Sicherheitssoftware, die das Gerät und jede Aktivität verschleierte.

Falls die Volkswacht sein PCP überwachen sollte, würden sie nun nichts mehr sehen, was abgespielt wurde und auch das Gerät nicht mehr lokalisieren können. Für Beobachter sah es aus, als sei es abgeschaltet. Mit einer dritten App wählte er sich in einen Netzserver ein, den es offiziell nicht gab. Innerhalb der Netzagentur, welche über Jahrzehnte das Internet kontrollierte, sprach man noch nicht einmal von der Idee einer solchen digitalen Untergrundorganisation. Es durfte schließlich nicht sein, was nicht sein konnte. Noch während das PCP sich über mehrere Proxyserver verband, wählte Aidin auf dem Glastisch vor seinem Sofa die Steuerungskontrollen für die Rollläden an den Fenstern, welche leise herunterfuhren. Auf dem Kristallschirm, der eben noch das Fenster zur Propagandaabteilung der Partei war, öffnete sich mit einem blauen Ladebalken das Subnet, in welchem es bis heute Foren, Enzyklopädien, private Webseiten, soziale Netzwerke und Chaträume gab. Selbst vereinfachte E-Mailprovider waren dort angekommen, weshalb man die Auflage von maximal einer Mail pro Tag hier unbegrenzt umgehen konnte – und sogar der Inhalt nicht von der Netzagentur gegengelesen wurde, ehe man dort entschied, sie dem Empfänger zukommen zu lassen. Angeblich gab es sogar irgendwo tief vergraben Abbildungen nackter Menschen, was derzeit eine der widerwärtigsten Perversionen darstellte. Es gab diverse Moralgesetze, die ganz eindeutig sagten, wo und wann man ohne Kleidung sein durfte und das Nacktheit allein schon Grund zur Scham war. Was natürlich nur dem Schutz der eigenen Reinlichkeit diente. Auch Aidin folgte dem, trotz aller rebellischen Gedanken. Die Erziehung durch Eltern, Schule und Staat war diesbezüglich eine Einheit.

Über eine Nummer, die er inzwischen auswendig kannte, erreiche er das Sozialforum, in dem sich Lehrer und Schulleiter ohne die Aufsicht aus dem Bildungsministerium austauschen konnten. Aidin wählte die englische Sprache und erhielt eine Liste mehrerer Räume, aus der er seinen Stammchat wählte. Nach einem kurzen Ladebalken bauten sich oben am Kristallschirm acht, anfangs grob verpixelte, Webcamaufzeichnungen auf.

Aidin hob zum Gruß die Hand, als die Verbindung bestätigt wurde. »Hi.«

Fast zeitgleich beantwortete jeder den Gruß mit einer ähnlich kurzen Floskel, die auffällig verhalten und offenkundig getrübt schien.

»Was ist passiert?«

»Seit gestern habe ich nichts mehr von Frank gehört«, erklärte ein dunkelhäutiger Mann. Sein Name war Michael White und er war Lehrer für Geschichte in Pennsylvania.

»Er konnte mal wieder nicht seine Klappe halten …«, antwortete eine junge Frau leicht zornig und dennoch traurig. Sie hieß Mandy Brown und war Mathematiklehrerin in Toronto. Einige andere nickten still. Jeder hier wusste, dass man sich bedeckt halten musste. Nicht nur mit seinem Wissen, sondern auch mit seinen Ansichten.

Aidin sah kurz auf die Tischplatte und zwang sich, nicht mit den Schultern zu zucken. »Er war wohl zu aufgewühlt wegen Feodora und Galina … wie oft haben wir ihn gewarnt?«, brummte er und sah kurz durch die Liste der Anderen. Jeder hier kannte jemanden, der verschwunden war – oder hörte zumindest davon. Allein aus seiner Schule waren in den vergangenen Monaten zwei Lehrer von einem Tag auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt.

Die Volkswacht tat diesbezüglich nichts. Natürlich nicht, schließlich war sie da, das Volk zu bewachen, damit dieses tat, was das Gesetz forderte. Es fand sich ebenso auch kein Richter, der fordern würde, der Sache nachzugehen.

»Wir sollten denen endlich zuvorkommen und selbst verschwinden. Meinetwegen als Unregistrierte irgendwo mitten in der Pampa.« Das war George Tanner, ein Biologielehrer aus Spanien. Sein Englisch war undeutlich, aber gut zu verstehen. Er hatte einmal mit der Idee gespielt, unter seinem Haus den Keller aufzubrechen und einen geheimen Bunker zu errichten, in welchem er dann seine restliche Lebenszeit verbringen wollte. Da sein Lebensalter die 60 jedoch schon überschritten hatte, war hier jedem klar gewesen, dass seine verbliebene Zeit niemals ausreichen würde, die Früchte seiner Arbeit noch zu genießen.

»Sie finden uns … egal, wo auf der Erde man sich zu verstecken versucht …«, brummte Mandy.

Michael legte den Kopf schief. »Niemand muss auf der Erde bleiben. Wir brauchen nur ein Schiff.«

Aidin runzelte die Stirn. »Und dann abgeschossen werden, wie die armen Schweine in München heute?«

Einige Augen hoben sich. »Ein Schiff wurde abgeschossen?«

Aidin nickte. »Im ehemaligen Deutschland … drei Typen hatten wohl ein eigenes Schiff, aber sie waren schneller wieder unten als oben.«

»Meine Güte … die werden immer besser …«

»Wenn man es richtig macht, kann es gelingen!«, rief Michael aus.

»Ach, und dann? Ziellos im All?« Mandy schüttelte den Kopf. »Es mag hier nicht schön sein, jedenfalls für uns, aber immerhin leben wir.«

»Da draußen gibt es hunderte Welten, auf denen Menschen leben können«, hielt Michael dagegen.

Mandy stöhnte auf. »Mike! Auch da draußen gibt es nichts in Reichweite, das die Partei nicht kontrolliert.«

Michael war nicht zu halten. »Es gibt mehr … ich sage euch … wenn das stimmt, was ich letztens gefunden habe, dann ist damals nicht nur ein Schiff nach Chrysador geflogen … es waren fünf Schiffe in fünf Richtungen! Vor beinahe 200 Jahren!«

Einer der Mitsprecher klinkte sich schweigend aus.

»Schon damals waren der originalen Sherman-Stiftung Dutzende für Menschen bewohnbare Welten bekannt. Wissen, dass die Raumnavy heute nicht mehr hat. Man muss sie nur wiederfinden, dann hat man auch ein Ziel.«

Mandy nährte sich ihrer Cam. »Michael bitte! Ich will keinen weiteren Abend hier verschwenden, um über Verschwörungstheorien und möglicher Geheimhaltung zu reden!« Sie lehnte sich wieder zurück. »Selbst wenn du recht hast. Wir können nichts tun! Lass uns Möglichkeiten in dieser Realität finden!«

Aidin hatte sich Mandys Mahnung stumm angeschlossen und versuchte das Thema zu verschieben.

»Habt ihr übrigens gehört? ‚Juptoe‘ investiert jetzt in Bildung. Das ist hier übrigens der Eigentümer der Sun und vom Spiegelbild.«

Hell lachte ein junger Mann auf, der bisher noch nichts gesagt hatte. Sein Name war Brent Peterson, ein Lehrer, der nahe Detroit lebte und unterrichtete, und ein Freund Michaels war, weshalb er immer ins Schweigen verfiel, wenn der oft viel zu emotionale Geschichtslehrer mal wieder die Ideen vom Verlassen der Erde zum Besten gab. Aber auch sonst sprach Brent nicht viel. »Das ist mal ne echte Verschwörung«, merkte er an.

»Na ja …« Aidin bewegte seine Augen auf Petersons Abbildung. »Ich denke nicht, dass da was verschworen wird. Mit dem neuen Bildungsverbot schreiben die vermutlich nur nach Vorgaben die Lehrbücher um.«

»Ja!«, brummte ein anderer Mann, der zwischendurch seinen Mediaplatz verlassen hatte und gerade wieder ins Bild trat. »Zum Kotzen!«, schimpfte er nachträglich.

Aidin nickte. »Ich hatte heute vor dem Meeting eine kurze Unterredung mit meinem Direktor. Ich soll dem Hampelmann vom Bildungsministerium nicht wieder dazwischen fahren und mich einfach an den neuen Plan halten.«

»Einfach!«, brummte Michael dazwischen.

George grübelte: »Die haben das schon mal gemacht … Wie lange ist es jetzt her?«

Michael winkte ab. »Lange bevor wir alle geboren waren … Ich kann nur ahnen, was Lehrer unserer Klasse im letzten Jahrhundert noch alles gewusst haben.«

»Ah!«, stieß Aidin freudig aus, verließ seinen Platz und ging in den Flur zu seiner Tasche. Sekunden später kehrte er zurück und hielt ein altes Buch in die Kamera. »Tja, ich bin dir gegenüber im Vorteil. Dieses edle Stück habe ich gestern bei einem Händler meines Vertrauens bekommen.« Er hielt das Buch näher an die Kamera. »Es ist ein Physiklehrbuch. Aus dem Jahre 2023!«

Schweigen, Staunen und Entsetzen breitete sich aus.

»Bist du irre?«, brachte Mandy als Erste hervor.

»Die sind illegal! Wenn die dich erwischen …«, flehte George förmlich.

»Dieser Chat ist auch illegal. Also?«, konterte Aidin.

Michael schüttelte den Kopf. »Wenn Nicole das findet … Du darfst es nicht in deiner Wohnung aufbewahren.«

»Du willst es ja nur selbst haben«, grinste Aidin und legte das Buch wieder zur Seite.

»Ich habe vor meiner Frau mehr Geheimnisse, als du glaubst …«

»Hineinsehen würde ich nat…« Bzzzt … Michaels Fenster verschwand.

»Was?«, fragte Mandy noch, bevor sich auch ihr Bild auf Aidins Schirm auflöste. Ein Chatteilnehmer nach dem anderen hinterließ nur Rauschen, bis der gesamte Kristallschirm erlosch und nur die Meldung zurückblieb, dass der Kontakt zum Server verloren gegangen war.

Aidin griff nach seinem PCP und prüfte die Netzverbindung. Egal welche Webseite, welchen Server oder welche Netzanwendung er versuchte. Er war offline.

TV-Sender waren nicht betroffen, der Ausfall beschränkte sich nur auf das Internet.

»Das gibt’s doch nicht …«, murmelte er und ließ eine Selbstdiagnose laufen. Das PCP signalisierte einwandfreie Funktion und meldete, keine Antwort von außerhalb zu bekommen. Noch einmal aktualisierte Aidin das Netz, als auf seinem Kristallschirm eine neue Meldung erschien:

»Mit dem Beschluss der Weltregierung werden alle Netzserver mit Wirkung zum 11. April 2248 abgeschaltet. Wenden sie sich an ihre Netzagentur für weitere Informa-tionen.«

Aidin las den Hinweis wieder und wieder. Hatten sie es tatsächlich wahr gemacht? Wie viele Jahre reglementierte die Partei nun schon das Internet. Wie oft warnten

»Paranoiker« vor der vollen Übernahme bis hin zum endgültigen Abschalten. Schon vor einhundert Jahren hatte man das Internet so sehr beschränkt, dass ein Nutzen, wie es einst gedacht war, nicht mehr möglich war. Damals waren private Webseiten verboten, Foren, Sozialmedien und Chats gelöscht und der E-Mailverkehr beschnitten worden. Über Jahrzehnte blieb es ein Read-only-Medium – jedenfalls für den normalen Anwender. Mit dem heutigen Tag aber schien sich der Einfluss der NPC ein weiteres Mal auszudehnen.

Das helle Aufklingen seines PCPs ließ Aidin zusammenzucken, so tief war er in seine Grübelei vertieft. Vermutlich rief nur einer seiner Freunde an, um zu erfragen, ob auch in London das Netz ausgefallen war. Er klappte das Kristallfeld auf und nahm den Anruf mit der unterdrücken Nummer entgegen.

»Ja, bitte?«

Statt eines bekannten Gesichts, stellte das Feld nur eine schwarze Fläche dar, auf der langsam das Logo der Planetensicherheit erschien: Ein Weißkopfadler, der in der einen Klaue die Erde und in der anderen das Kruzifix umklammerte.

»Mr. Sahu. Wir haben ihre Frau. Sollten sie weiter unterrichten, werden sie sie nie wiedersehen.«

Aidin hatte nur Sekunden, angemessen zu handeln und setzte sein bestes entsetztes Gesicht auf. »Herr im Himmel!«, stieß er gemimt aus, um gottesfürchtig und angepasst zu wirken. Bei allem Hass auf das System … diese Leute saßen an den Reglern zum Leben eines jeden einzelnen. »Was soll ich tun?«

Die dumpfe Stimme schien zufrieden. »Halten sie still und fügen sie sich unseren Anweisungen. Sie werden sich den neuen Strukturen anpassen und sie umsetzen. Zudem werden sie uns helfen, ihre kleine Geheimbewegung aufzufinden.«

»Natürlich, natürlich … wie geht es Nicole?«, heuchelte er, um den Unbekannten in Sicherheit zu wiegen.

»Das tut noch nichts zur Sache. Es wird sie in fünfzehn Minuten jemand abholen. Packen sie das Nötigste ein.«

»Ja, Sir«, spielte er mit Überzeugung, und das Telefonat wurde unterbrochen.

Aidin atmete erleichtert aus. Das Timing wunderte ihn nicht. Vermutlich war der Chat von Anfang an unterwandert gewesen. Es gab sogar ein Subnet im Subnet, in dem davon gesprochen wurde, dass die Regierung diese Chats duldete, um an Informationen zu gelangen. Nun aber, wo es das Netz nicht mehr gab, war es von Seiten der Machtträger auch nicht mehr nötig, sich in Duldung zu üben. Gerade wollte er das Kristallfeld zuklappen, als ihm das Blinken an der linken unteren Seite auffiel. Die Sicherung war noch immer aktiv. Der Anrufer hatte ihn also gar nicht sehen können und auch nicht wissen können, ob er wirklich, wie vom Wohnungssystem gemeldet, zu Hause war. Auf der anderen Seite konnte auch er nicht sicher sein, ob diese Maßnahme auch wirklich funktionierte.

Einen letzten Augenblick sah Aidin sich in seiner schönen Wohnung um. Er liebte sie, denn es gab hier alles, was er je wollte und zum Leben brauchte. Vor einhundert Jahren waren solche Apartments nur Menschen der ersten Klasse vorbehalten gewesen. Zu dieser Zeit wurden Regeln erlassen, in denen drittklassigen Personen kein größerer Wohnraum zugestanden wurde als zwanzig Quadratmeter. Zweitklassigen wie Aidin, das doppelte – Familien noch einmal so viel. Mit diesen Begrenzungen hatte man damals versucht, die Wohnungsnot zu lösen. Des Weiteren stieg zum Ende des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts die Weltbevölkerung so hoch, dass man überall, wo es möglich schien, Türme errichtete, die bis zu zweitausend Wohnparzellen boten. Mit der zweiten Planetenreinigung änderte sich dies alles. Ganze Siedlungen wurden frei, sodass sich heute jeder überall entfalten konnte. Wohnungseigentümer bettelten anfangs händeringend nach Mietern und die Preise stürzten in den Keller, was viele kleinere Unternehmen in den Bankrott führte. Noch heute zeichneten komplette Geisterstädte rund um den Globus die Bilder ehemaliger Schnellschüsse der aktuellen Regierung. Nun war es an ihm, schnell eine Entscheidung zu fällen, deren Ausgang er sich kaum vorstellen konnte, geschweige, wie sich die nächsten Jahre für ihn entwickeln würden.

Im Schlafzimmer griff er einen Koffer und packte das Nötigste ein, was er für seine Reise nach Amerika brauchte. Als Letztes entnahm er aus einer kleinen Schachtel einen MK-3-Pulser, eine Handschienenwaffe, die nicht weniger illegal war als der Chat oder das Buch. Es war nur eine seiner kleinen Verfehlungen. Mit einem schrillen Sirren

aktivierte er die Waffe, um das Magazin zu prüfen. Das Display zeigte ihm 45 Microbolzen an. Aus einer sicheren Stellung war eine solche Schienenkanone verheerend, denn sie war nicht nur leise, sondern auch weitreichend und schnell. In Aidins Hand war sie sogar enorm präzise.

Dieses Modell gehörte einst seinem Großvater, der sie seinem Sohn gab, ehe die Armee der damaligen USA den einstigen Aufstand gegen die erste Planetenreinigung in Indien mit Waffengewalt beendete. Da sein Vater keine Verwendung für die Waffe hatte, übergab er sie seinem Sohn, als dieser beschloss, Lehrer zu werden, um die Welt ein wenig besser zu gestalten. Denn seit er diesen Weg eingeschlagen hatte, war er der Schikane von Staat und Volkswacht über Jahre ausgesetzt. Aidin hätte im Grunde darüber hinwegsehen können, doch sie hatten nie aufgehört und ihn nie in Ruhe gelassen. Lehrer hatten heute schon fast den Stellenwert von Geächteten, aber auch Gefürchteten. Obwohl jede Schule unter der Beschattung von Parteibeobachtern stand, konnte der ‚Patron‘ einer Schule nie überall sein. Es war nur natürlich, dass Nicole schon damals abgestellt worden war, ihn zu beobachten. Jemand, der aus eigener Motivation Lehrer wurde, war per se verdächtig. Zumal bereits seine Vergangenheit aufgrund seiner Abstammung vorbelastet war. Aidin steckte das tödliche Instrument in seine Jackentasche, verschloss den Koffer und trat zurück ins Wohnzimmer, wo er warten würde. Einen dieser Volkswachtbastarde in die Hölle zu schicken, würde ihm ein Privileg sein. Noch einmal sah er sich um und verabschiedete sich von seinem alten Leben.

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